Tagebuch

Leb wohl Paps

Die Welt hat sich verändert.

Ich habe gestern von meinem Vater Abschied genommen. Er ist am 30. März gestorben.

Ohne dass ich es schon näher beschreiben kann, weiß ich: Ohne meinen Vater wird die Welt anders sein. Im Januar haben wir uns zuletzt gesehen. Die letzten beiden Wochen hat er sehr gelitten. Seine Frau hat es nicht für nötig gehalten, mich zu benachrichtigen. So hat sie uns die Möglichkeit genommen, uns noch einmal in diesem Leben im Frieden der Herzen und der Seelen zu begegnen.

Viele brennende und unausgesprochene Fragen bleiben:
Warum habe ich so wenige Erinnerungen an meine Mutter? Warum habt ihr euchnie in den Arm genommen, wenn ich dabei war? Wie war eure Ehe wirklich? Was hast du im Krieg gemacht? Warum hast du Else geheiratet? Warum hast du zugelassen, dass sie dich so verändert?

Die Antworten hätten mir helfen können, mein Leben im Rückblick besser zu verstehen und Wegweiser für die Zukunft zu setzen. Antworten, die ich ersehent habe, bekomme ich nun nicht mehr. Ich werde in etwas zeitlichem Abstand mit Hilfe eines Psychologen versuchen, Antworten aus der Sicht eines Dritten zu finden.

Mein Vater hat einen Brief hinterlassen. Er wünscht, dass niemand auf seiner Beerdigung Trauerkleidung trägt. Seine Asche soll auf einer einer grünen Wiese verstreut werden, so dass jeder, der es will, seiner in freier Natur gedenken kann. Ein schöner Gedanke. Mir wird der Platz zum Besuchen und Trauern fehlen.

In diesen Tagen des Abschieds sind die Dinge rund um Leipzig in den Hintergrund getreten. Nach genau zwei Monaten im Osten glaube ich, es war eine richtige Entscheidung, für die ich allerdings einen hohen Preis zahle.

Die Projektarbeit in der Agentur läuft gut. Auch wenn ich meine vorausschauenede (Beamten-) Arbeitsweise noch mehr den (wirtschaftlichen) Erfordernissen der Agentur angleichen muss, so passen wir doch gut zusammen. Bald werde ich über einen Festvertrag verhandeln. Ich bin umgeben von jungen Menschen, die mir gut tun, die mich lachen lassen, und denen 20 Jahre Altersunterschied nichts ausmachen. Zu Anne hat sich eine tiefe & feste Freundschaft aufgebaut. In zwei Wochen geht sie für ein halbes Jahr als Animateurin nach Spanien. Hey, ich werde dich vermissen, undich verspreche, ganz viel zu schreiben und deinen Geburtstag nicht zu vergessen!

Leipzig ist eine pulsierende, faszinierende Stadt und immer wieder neu. Ich freu mich auf den Sommer. Immer wieder gibt es kleine Momente & Episoden, die mich inne halten lassen.

Vor einigen Tagen standen in Sicht weite der Nikolaikirche ein Mann, geschätzt Mitte 50, und eine junge Frau. Auf ihren Querflöten spielten sie Mozarts Zauberflöte. Ich habe lange dort gestanden, die Melodien & Texte nachgefühlt, und ich habe verschämt meine Tränen weggewischt. Wenige Tage später habe ich den Mann in der Fußgängerzone wieder getroffen, diesmal allein, diesmal kein Mozart. er heißt Philipp, ist 54, kommt aus Wien und hat zuvor in Paris gelebt. Die Frau ist Ende 20 und seine Freundin. Er erzählt mir von Paris, vom Klub der Österreicher in Leipzig und freut sich, dass wir beide junge Frauen als Partner mögen. Wir verabreden uns locker auf einen Kaffee.

Ich weiß, dass ich solche Momente auch in Hannover oder Köln erleben könnte. Gleichzeitig machen sie mir bewusst, welchen Preis ich für meinen eigenen Weg zahle. Immer wieder suche ich die körperliche Nähe & Wärme einer Frau und weiß doch schon im Voraus, dass die Lust mein Herz nicht auf Dauer berühren wird.

Die Liebe zu Sabine ist auf der Strecke geblieben. Ich war letztlich nicht stark genug, ihre Mauer zu überwinden. Am Tag meiner Abreise nach Leipzig hat sie zum ersten Mal gesagt "Ich liebe dich" - aber gleichzeitig hatte sie nicht die Kraft, mich noch einmal zu sehen und in den Arm zu nehmen. Wieder darf ich ihr keine Briefe mit offenem Absender schreiben. Unsere Liebe wäre immer in unserer Welt gefangen und hätte die Entfernung nicht überstanden. So wird Sabine nicht in ihrem Sommerkleid auf einer Parkbank auf mich warten, und sie wird nicht bei der Eröffnung der Suppenbar neben mir stehen...

Und Sabrina? Sie ist nur 50 km entfernt. Wir telefonieren, haben uns aber noch nicht gesehen. Sabrina hat Bedenken, dass wir heftig streiten, wenn wir uns allein sehen. Sie hat jemanden kennen gelernt, wieder ein ganzes Stück älter, und hofft auf ein besseres Glück als mit mir. Im Juli wird Sabrina am Herzen operiert. Routine im Leipziger Herzzentrum, aber ich denke oft daran.

Wer war mein Vater? Das wird mich die Pastorin fragen. Ich werde ihr antworten:

Er hat mir meinen Namen gegeben. Er hat Gute-Nacht-Geschichten für mich erfunden & mich Schreiben und Lesen gelehrt. Was ich kann und was ich bin, bin ich durch ihn. Ich bin er.

Er war ein Mensch mit großer Ausstrahlung, mit Charme und Anziehungskraft auf andere. Er brauchte Menschen um sich er genoss es, Mittelpunkt zu sein, wenn andere ihm zuhörten und seinen Rat annahmen. Aber er gab auch etwas zurück: Er war ein Menschenfreund. Er war stets für andere da, beruflich und privat. Seinen Beruf hat er geliebt. er war kein "Typ Bulle", sondern ein "Mensch Bulle". Das hat ihm die Hochachtung besonders junger Kollegen eingebracht, um deren Ausbildung und Fortkommen auch im menschlichen Bereich er immer Sorge getragen hat. Wenn er liebte, dann bis zur Aufopferung. Mit unfassbarer und unmenschlicher Kraft hat er meine Mutter in ihren letzten Jahren gepflegt und in den Tod begleitet.

Mein Vater war kein Teamplayer. Er war ein Freund einsamer, wohl überlegter Entscheidungen. Leitlinie seines Lebens waren feste Prinzipien und Überzeugungen; Grundwerte, die heute oft belächelt werden. Gegen Unrecht trat er ein - laut, mit manchmal zu deutlichen Worten, und ohne Ansehen der Person und Stellung. Diese Festigkeit hat es ihm manchmal erschwert, abweichende Lebenspläne zu akzeptieren.

Mein Vater war immer in der Geschichte seiner Familie und seiner ostfriesischen Heimat verwurzelt. Bis heute hat er das Grab seiner Eltern gepflegt und besucht. Vielleicht ist so sein Wunsch besser zu verstehen, dass seine Asche weit entfernt von der Heimat dem Wind anvertraut werden soll.

Anne hat tröstende Worte gefunden: "Er ist nicht ganz fort. Vielleicht kommt er dich ja mal besuchen, wenn du schläfst."

Paps, ich werde im Kölner Dom an meinem Lieblingsplatz für dich beten.

Dein zärtliches "Sohnemann" ist verstummt.

Leb wohl.

Danke, Paps.

4.4.06 09:56, kommentieren

31.01.2006

Wohnungsbesichtigung in Beucha, 20 min von der Leipziger City mit der Regionalbahn. Ich bin eine Stunde vor dem Termin dort. Auf der Dorfstra?e alles zentral: Konsum, Spar, Gemeinde3amt (einen Tag die Woche ge?ffnet), die Sparkasse. Selbstverst?ndlich f?hren wir Ihnen ein Guthabenkonto, und selbstverst?ndlich k?nnen Sie am Onlinebanking teilnehmen. Ein Blick die Dorfstra?e hinunter: Viele alte, unsanierte H?user. Eine sticht heraus: neueren Datums, gepflegt. Ein Sto?gebet, und ich werde erh?rt.

Die Eegent?mer sind nett, ein ?lteres Ehepaar. Die Wohnung liegt im Souterrain, um 35 qm, komlett und neu ausgestattet. Na ja, nicht ganz: Kein Internetanschluss, auch nicht erw?nscht, und das gleiche gilt f?r eine Waschmaschine. Ich werde das mit Sabine besprechen, bin aber eher abgeneigt.

Abends langes Telefonat mit Sabine. Es tut so gut, sie zu h?ren. Sie meint auch, ich solle weitersuchen und ?berlegen, ob nicht doch eine gemeinsame Badnutzung in Betracht kommt. Das ist preiswerter als ein Appartment, und auch das Angebot ist citynah gr??er.

1 Kommentar 1.2.06 14:42, kommentieren

Jetzt Leipzig 30.01.2006

Zwei ereignisreiche Wochen liegen hinter mir. Wochen mit extremen Gef?hlen und Fragen nach dem Sinn des Unternehmens Leipzig.

Ich habe bisher vergeblich versucht, Geld aufzutreiben. Nein, stimmt nicht ganz: Bei der Agentur f?r Arbeit hatte ich Erfolg, weil ein engagierter Mitarbeiter alle Hebel in Gang gesetzt hat, um mir zu helfen. Nun habe ich erst mal Mittel f?r die erste Miete in Leipzig mit Kaution, f?r den Umzug und f?r den Lebensunterhalt. Die Wohnung in Hannover ist aufgel?st. Ich bin wieder bei Sylke. Ich dringe in ihren Lebensrythmus ein, nutze ihre Wohung und ihre Ressourcen. Sie ertr?gt es geduldig, um meinen Weg zu unterst?tzen.

(wird fortgesetzt)

1 Kommentar 30.1.06 10:57, kommentieren

Hannöversche Tafel 17.01.2006, erinnert am 30.01.06

"Bringen Sie Ihren Bescheid mit und einen Ausweis."

Die Ansage ist klar. Ich gehe heute zum erstenmal zur Hann?verschen Tafel, um mir Lebensmittel zu holen. Ich wei? finanziell weder ein noch aus. Ich fahre quer durch die Stadt zu einem kirchlichen Zentrum, ohne Fahrkarte. Bin viel zu fr?h. Nachund nach treffen die "Bed?rftigen" ein. Man kennt sich. Hier geht es keine Scham, man sieht sich in die Augen. Und man spricht Russisch. Die meistrn bringen Einkaufsroller mit. F?r die gibt es feste "Parkpl?tze". Alles scheint mir wie ein Ritual, wie eine Parallelwelt.

Es kommt Bewegung in die Menge. Alles dr?ngt in einen unscheinbaren kleineren Aufenthaltsraum. Ich versuche nicht aufzufallen, dass ich zum ersten mal hier bin, und schlie?e mich an. Es gibt Kuchenst?cke umsonst. Manche kommen mit Tupperdosen, stellen siich immer wieder an und bunkern f?r eine Woche. Hei?er Tee und Kaffee kosten 20 cent. Die beiden Helferinnen tragen Handschuhe. Eine sagt zu mir "Na, nehmen sie mal", und schnekt mir eine hei?en s??en Tee. Ich schl?rfe schnell & begierig.

Nach zwei Stunden erneut Bewegung. Man stellt sich vor einem Tisch an. Ich tue es ebenso. Ein ;ann, etwa vierzig, mit grauen Schl?fen und groben Stiefeln, pr?ft, stempelt, gibt aus & schickt weg. Er kann nicht sprechen & nicht lachen. Ich nenne ihn den "Beamten". Manchmal verliert er die Fassung. er br?llt in den Raum "Tausend Euro sind ja wohl zu viel!". Privatsph?re und Datenschutz Fehlanzeige, aber das erwartet hier wohl auch niemand. Als es ihm hinter seinem Tisch zu bedrohlich wird, weil die Menschen nachdr?ngen, schreit er "Zur?ck bis an die Rampe!". Ich hoffe, er wei? nicht, was er gesagt hat.

Die Ausgabe ist schnell und effektiv organisiert. Nummern nach dem Zufallsprinzip. Wer keine eigenen Taschen mitbringt, bekommt nichts. Es gibt Grundnaghrungsmittel, f?r Kinder auch Milch. Ich habe Nummer 79 gezogen von 90. Tomaten, Radieschen, viel Obst, Zazikiquark, Mandelspekulatius, Br?tchen & und ein gro?er Kanten Olivenbrot werden f?r mich eingepackt. Noch auf dem Weg zur U-Bahn esse ich zwei ?pfel. Zu hause dann putze ich die Radieschen, esse sie pur. Dann setze ich mich vor den Fernseher, sehe Biathlon und Gerichtsshows. Ein Tag, der Alltag ist f?r Tausende von Menschen, f?r mich aber nie werden soll.

1 Kommentar 30.1.06 10:53, kommentieren

Hürden auf dem Weg 10.1.2006

Noch wei? ich nicht, wie ich den Weg nach Leipzig finanzieren soll. Peter, du hast recht: Tragende S?ule dieser Gesellschaft ist das Geld. Ohne Geld kein Erfolg. Erfolg macht sexy. Und wer Fehler macht und nichts hat, der kriegt auch nichts.

10.1.06 21:04, kommentieren