Jahresbrief 2005

Jahresbrief 2005

Liebe Freunde,

ich habe keine Kraft mehr. Ich gebe auf.

So habe ich manches Mal in diesem Jahr gedacht. Ich habe nicht mehr daran geglaubt, dass ich einen eigenen Wert habe, und konnte deswegen auch nicht selbst bestimmt und selbst bewusst handeln.

Die Ehe mit Christiane ist gescheitert. Was waren meine Fehler? Sie liegen gleich zu Beginn: Ich hätte Christiane niemals heiraten dürfen. Um ihr in einem schwierigen familiären Umfeld Halt zu geben, aber auch, um für mich einen emotionalen halt zu finden, habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht. Wir haben uns nicht gekannt und nie wirklich kennen gelernt. Heute vermisse ich viele schöne und warme Momente unseres Zusammenseins, aber für wirkliche Lebe war es zu wenig. Ich müsste Christiane um Verzeihung bitten, dass ich ihrer Seele großen Schaden zugefügt und sie verletzt habe. Ich habe bisher nicht die Größe hierzu aufgebracht.

Ich habe mich aus der Ehe leise und feige davon gestohlen. Ich wurde bestraft mit über vier Monaten in einem Loch von Hotelzimmer, kurz vor chronischen Depressionen und mehrfach vor der Frage, ob dieses Leben noch Sinn hat. Mehr als einmal habe ich meinen Selbstmord gedanklich genussvoll inszeniert.

Ich war in diesem Jahr selten glücklich und fast immer allein. Die kurze Zeit des Glücks mit Sabrina ist eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens. Seit einem halben Jahr haben wir uns nicht mehr gesehen. Noch immer weine ich darum, dass wir unsere Liebe und den Traum einer gemeinsamen Zukunft und einer kleinen Familie aus der Hand gegeben haben.

In diesem politisch ereignisreichen Jahr habe ich mich umfassend informiert. Bei der Landtagswahl in NRW, die der Auslöser für die vorgezogene Bundestagswahl war, habe ich für die CDU gestimmt; beeinflusst durch meine persönlich empfundene Nähe zu Bedburgs Bürgermeister Gunnar Koerdt und die falsch empfundene Freundschaft zu Bedburgs Ratsfrau Nadine Heuser-Spruss. Inzwischen sehe ich den Bürgermeister als Opportunisten, der sich mit jedem gut stellt, der seinen Zielen dient und seine Position stärkt. Die Freundschaft zu Nadine ist nur noch ein Lippenbekenntnis und wird die räumliche Trennung nicht überdauern.

Bei der Bundestagswahl habe ich mich für eine weitere Amtszeit von Gerd Schröder eingesetzt, weil ich eine Fortführung der begonnenen schmerzlichen Reformen aus der Agenda 2010 für unabdingbar halte. Es fällt mir schwer, mich mit der neuen Konstellation anzufreunden. Persönlich erwarte ich, dass die Bedingungen für Existenzgründungen und für den Mittelstand dergestalt verbessert werden, dass ich eine ehrliche Chance bekomme, meinen Traum zu verwirklichen.

Meine Freunde kennen diesen Traum: Ich möchte eine Suppenbar eröffnen. Die Pläne sind seit drei Jahren fertig. Ich habe sie nicht konsequent verfolgt. Vor allem aber scheitert es an der Finanzierung. Ohne Eigenkapital und mit Schulden bleiben Mut und Ideen auf der Strecke.

Jetzt steht in meinem Kalender: „17. November 2008 Eröffnung der Suppenbar Lirum Larum“. Zu meinem runden Geburtstag will ich mir dieses Geschenk machen. Im Jahr 2008 möchte ich mich noch einmal beschenken: Meine Tochter Anna-Lena wird im Januar 14 Jahre alt. Ich weiß nicht, wie es ihr geht, weiß nichts über Schule und Freunde, weiß nicht einmal, wie sie aussieht. Für das kommende Jahr ist es eines meiner Ziele, mich meiner Tochter anzunähern. Ich tue das nicht aus tiefstem Herzen oder aus Überzeugung, sondern aus der Einsicht, dass ich für mein Leben erst dann Verantwortung übernehmen kann, wenn ich die Probleme aus dem Weg geräumt habe, die Ursache meiner seelischen Schwierigkeiten sind. Als zweites Geschenk an mich möchte ich 2008 noch einmal Vater werden. Inzwischen fühle ich mich gereift genug, um die Verantwortung einer Kindererziehung zu teilen und mein Leben darauf einzurichten.

Und wo soll die Suppenbar stehen? Und wer ist die Partnerin? Ich weiß es heute noch nicht. Ich weiß nur, dass ich all diese Entscheidungen emotional und intellektuell treffen werde. Doch vor 2008 stehen erst die kurz- und mittelfristigen Ziele an. Noch wichtiger als die Konsolidierung meiner Finanzen ist ein klärendes Gespräch mit meinem Vater. Seit meinem Weggang von der Stadt ist unser Verhältnis kein Vater-Sohn-Verhältnis mehr. Mein Vater kann nicht akzeptieren, dass ich nicht mehr nach seinem Lebensbild für mich lebe. Ich habe bis heute nicht seine Wahl für Else als Ehefrau verstanden. Ich habe noch so viele Fragen an meinen Vater. Seine körperlichen Kräfte schwinden, und ich möchte mir keine Vorwürfe machen müssen, dass wir nicht noch alles zwischen uns geklärt haben.

Um meinen Plan für morgen machen zu können, muss ich einige Dinge von heute opfern und mir eingestehen: Ich kann von meiner journalistischen Arbeit nicht leben. Mein Weg wird mich im kommenden Jahr nach Leipzig führen. Ich habe ein Arbeitsangebot, weitere Bewerbungen laufen. Was sich auch ergibt: Zum 1. Februar werde ich nach Leipzig ziehen. Es war richtig, von Bedburg zunächst nach Hannover zu gehen. Doch ich verfalle hier wieder in Gewohnheiten, die mir nicht gut tun. Einen wirklichen Neuanfang kann es nur in einer neuen Stadt geben.

Leipzig – das heisst: 50 Kilometer von Sabrina entfernt. Um allen Fragen zuvor zu kommen: Es gibt keinen Zusammenhang. Ich freue mich auf Leipzig als meine neue Stadt. Einige Wohlfühlplätze habe ich schon gefunden.

Ich habe kleine Wünsche: Hand in Hand durch die Stadt gehen. Zusammen kochen. Einfach reden, eine Flasche Wein geniessen, mich fallen lassen können.

Mein größter Wunsch ist es, dass eine Frau meinen Weg begleitet. Die sagt: Geh nicht weg. Bleib bei mir. Ich liebe dich. Auch ich bin nicht dazu bestimmt, allein zu sein. Aber ich weiß auch: Ich muss erst wieder lernen, zu lieben, zu vertrauen und zuzuhören.

Dieser Weg wird kein leichter sein / dieser Weg wird steinig und schwer...

Dieser Brief ist auch für dich, Sabrina. Er sagt dir, was ich dir nicht sagen kann.

Ich wünsche euch allen ein frohes Weihnachtsfest, einen guten Jahresausklang und ein gesundes, erfolgreiches und friedvolles Neues Jahr 2006.

Ich denke an euch, Euer Det

2 Kommentare 20.12.05 13:43, kommentieren