Neujahrsbrief 2007

Liebe Freunde und Bekannte,

auf Wunsch vieler Leser erweitere ich meinen Weihnachtsbrief. Nun ist es ein Neujahrsbrief, den ich bei einem Bagelfrühstück schreibe.

Mein erster Weg hat mich heute in die Nikolaikirche geführt. Zu ihr werde ich nie so eine enge Beziehung entwickeln wie zum Kölner Dom. Dort, im Dom, hatte ich mir in einer zugigen Ecke einen kleinen Marienaltar zur Einkehr und Besinnung ausgewählt. Das fehlt mir.

Seit meinem Weggang von der Stadt Hannover im April 2002 habe ich nie wieder wirklich Fuss fassen können, weder in Bedburg noch in Leipzig. Ich habe den falschen Menschen vertraut und nicht auf meine innere Stimme gehört. Ich habe Ratschläge meiner Freunde nicht hören wollen. Ich habe mich hochmütig über andere gestellt und wollte ihnen meine Art zu leben aufdrängen. So habe ich Freunde verloren, Liebe verspielt und Seelen verletzt.

Ich bin nach Leipzig gezogen als Flucht und als Neuanfang. Inzwischen habe ich hier die vierte Wohnung, die dritte Arbeitsstelle, keine wirklichen Freunde und keine Frau, die mich liebt. Ein Herz, das mir zu Weihnachten geschenkt wurde, schlägt falsch und im anderen Takt.
Nach der Zeit in der Consulting Agentur bin ich bei einer Wirtschaftskanzlei gelandet. Auch da gab es ein Call Center, meist Studenten. Es wurden Umfragen gemacht nach dem Zufallsprinzip aus dem Telefonbuch. Leute wurden befragt nach ihrer Meinung zum Steuersystem. Dabei wurden auch persönliche Daten erhoben, auch finanzielle zum Einkommen. Hab mich immer gewundert, warum Menschen das am Telefon freiwillig sagen. Sie hatten nicht mal einen Namen oder eine Rückrufnummer von der Kanzlei. Bei einer bestimmten Bonität wurden die Leute dann nach mehreren Wochen noch einmal angerufen mit dem Ziel, ihnen die Investition in ein denkmalgeschütztes Haus oder eine Wohnung schmackhaft zu machen. Ich habe eine Woche im Call Center (im Keller) telefoniert, dann haben mich die Geschäftsführer zu sich in die Etage geholt und mich zum Teamleiter gemacht. Ein bisschen telefoniert habe ich auch noch. Hat großen Spass gemacht, war kreativ und jeden Tag neu. Nachteil: Ich habe einen Monat Geld gekriegt, die kommenden beiden Monate nicht. Das Ende war ziemlich unschön, auch für die anderen Mitarbeiter im Call Center. Fristlose Kündigung, Hausverbot, viele warten noch immer auf ihr Geld. Ich habe vor dem Arbeitsgericht geklagt, insgesamt sind es drei Klagen wegen Geldzahlung und eine wegen meines Zeugnisses. Die erste Klage habe ich gewonnen, die anderen drei werden in Kürze verhandelt. Selbst wenn ich die gewinnen sollte, habe ich davon immer noch kein Geld.
 
Nach dieser Kanzlei kam dann die jetzige Firma. Die habe ich über eine Internetrecherche gefunden. Es ist eines der größten Unternehmen für Telemarketing in Deutschland. Die Firma hat in Leipzig knapp 200 Telefonarbeitsplätze, dazu kommen 50 andere Mitarbeiter. Es gibt verschiedene Aufgabenbereiche. Ich sitze im Kompetenzcenter Handel und telefoniere für zwei große Versandhäuser. Heißt konkret, wir
bekommen Datensätze, die wir abtelefonieren mit dem Ziel, dass die Angerufenen eine telefonische Warenbestellung aufgeben. Auf diesem Feld sind wir eines der drei besten Call Center in Deutschland. Ich dachte immer: Na ja, das bisschen telefonieren. Von wegen, das ist harte Arbeit. Ich mache das jetzt knapp zwei Monate und liege bereits über dem Soll. Das liegt auch mit daran, dass in der Firma konsequent weitergebildet und gecoacht wird. Ich hatte bereits dreimal ein Monitoring, heißt: Ein Trainer hört sich deine Telefonate an und gibt harte Tipps. Und so ein Coach will ich jetzt auch werden. Hatte dazu eine Bewerbungsrunde vier Tage vor Weihnachten. Das Ergebnis gibt’s Mitte Januar. 
Bis jetzt war für mich nicht ausreichend Zeit, den Tod meines Vaters zu begreifen und zu verarbeiten. Es hat sich weniger verändert, als ich erwartet hatte. Manchmal war ich durch den Tod wie erleichtert; so, als sei eine Last von mir genommen. Heute würde ich meinen Vater nicht mehr ohne Vorbehalte als mein Vorbild nennen.

Meine Briefe an meine Tochter sind im ganzen Jahr ohne Antwort geblieben.

Zu Sabrina gibt es wieder vorsichtigen Kontakt. Sie hat mir die letzten persönlichen Sachen geschickt, will mit ihrem Freund eine Familie gründen.

Sabine ordnet ihr Leben neu. An meinem Geburtstag ist ihre Oma verstorben. Eine tieferen Einschnitt kann es für sie nicht geben. Ich denke viel an sie.

Auf dem Bahnhof habe ich Anne getroffen. Wir hatten uns nichts zu sagen.

Mein größter Wunsch für 2007 ist eine neue Beziehung. Ich bin misstrauisch geworden, vorsichtig, vielleicht auch hart und ungerecht.  Ich möchte wieder mit einem anderen Menschen gemeinsam lachen und aufwachen.

Ich wünsche allen ein erfolgreiches neues Jahr im inneren Frieden mit euch selbst und anderen. Glück auf!

2 Kommentare 1.2.07 17:00, kommentieren